Technik als Technik gegen das Nicht-Wissen

28 Jul 2020

Darum geht´s. Ein schneller Überblick:

  • Der Technikbegriff
  • Die Kategorien des Nicht-Wissens und Expertenpluralisierung.
  • Nicht-Wissen als Modernisierungsmotor.

Wie soll in Zukunft mit der Produktion von Nicht-Wissen umgegangen werden? Was bedeutet diese Produktion für eine gesellschaftliche Technikfolgenabschätzung und welche Bedeutung haben Risiken und/oder Gefahren für das persönliche Leben? Diskutiert im Forum der Gruppe Technik, Gesellschaft oder Politik die Entwicklung technischen Fortschritts.

 

Der Technikbegriff ist zunächst eines: strapaziert, beliebig und schwammig. Eines ist aber seit Existenz des Begriffes gleich geblieben: Technik ist immer auch eine Methode, Nicht-Wissen in Wissen zu transformieren. Das machen wir heute auch in unserem Blog! Denn auch der ist eine Technik, Ihr Nicht-Wissen zu reduzieren!

 

 

Technik als Technik

 

Ein kurzer Blick auf Wikipedia zum Begriff Technik zeigt: Technik sind erstens die "praktischen Künste" (die artes mechanicae, die im Mittelalter dem unmittelbaren Broterwerb dienten wie bspw. die agricultura, die Landwirtschaft). Zweitens die "Gesamtheit der menschengemachten Gegenstände" wie Maschinen, Geräte etc., drittens "ein besonderes Können oder eine spezielle Fertigkeit" wie Kopfrechnen, Malen, Rhetorik, Geschicklichkeit etc., viertens eine "Form des Handelns in beliebigen Bereichen menschlicher Tätigkeit" wie bspw. Rationalität oder Abstraktion sowie fünftens das "Prinzip der menschlichen Weltbemächtigung", was auch immer diese Formulierung konkret bedeuten mag.

 

Deutlich wird in dieser Definition: Ein Gegenstand wie ein Auto, ein Hammer oder ein Smartphone kann zum einen unter dem Begriff der Technik subsumiert werden, zugleich können diese Techniken aber auch als Technik im Sinne einer Fertigkeit, eines Könnens interpretiert werden, mit dem ein Problem gelöst wird. Ein Auto wird so zu einer Technik bzw. einer Methode, mit der man weite Entfernungen überbrücken kann. Etwas abstrahiert folgt daraus: Eine Technik im Verständnis als Fertigkeit oder Können ist eine Methode, um ein Problem zu lösen oder: um Nicht-Wissen zu reduzieren. Die Technik als menschengemachter Gegenstand kann daher ebenfalls als Methode beschrieben werden, mit der Nicht-Wissen zu Wissen transformiert werden soll.

 

Nicht-Wissen in der Wissensgesellschaft

 

So gerne wir heute ja von einer Wissensgesellschaft sprechen, so klar ist auch: eigentlich sind wir eine Nicht-Wissensgesellschaft. Denn das Nicht-Wissen leitet unser Leben, die Politik, die Forschung und die Gesellschaft. Ganze Berufszweige wie Versicherungen begründen sich auf Nicht-Wissen. Die Ratgeber-und Coaching-Welt boomt, weil wir einfach zu wenig, das Falsche oder nix wissen!

 

Gerade bei technischen Entwicklungen gibt es das Problem, dass man nicht weiß, welche Folgen damit einhergehen. Nach Jahrzehnten des optimistischen "immer weiter" werden die Euphorie des technischen Fortschritts und das Vertrauen in die (wissenschaftliche) Vernunft, die alles erklären und berechnen kann, selbst zum Produzenten des Nicht-Wissens. Der Wissensfortschritt gelangt durch die kaum vorhersagbaren Risiken an seine Grenzen, wodurch auch die Annahme, dass das Nicht-Wissen durch den Fortschritt irgendwann dem Wissen weicht, ad acta gelegt werden muss. Zusätzlich vermehrt wird das Nicht-Wissen durch die Pluralisierung von Experten, denn je mehr Nicht-Wissen es gibt, umso mehr scheinbare Experten gibt es dazu. Die digitale Welt befördert diese Expertenpluralisierung weiter und offeriert zwar auch ein Mehr an Wissen, vor allem im Bereich des faktischen Wissens, steigert damit aber auch wieder die Unsicherheit in der Bewertung dieses Wissens. Dadurch sinkt das Vertrauen in die Experten, da unklar wird, welchem Experten oder welchem Wissen vertraut werden kann, und es eröffnet sich ein Mehr an Nicht-Wissen gegenüber den Experten.

 

Bereits 1986 begann diese Debatte mit der Risikogesellschaft von Ulrich Beck und der Thematisierung des Nicht-Wissens in Bezug auf die ökologische Kommunikation bei Niklas Luhmann. Beck führte das Nicht-Wissen 1996 in der Streitschrift Reflexive Moderne mit Anthony Giddens und Scott Lash letztlich als Hauptmerkmal des Modernisierungsprozesses an. In der jüngsten Vergangenheit war es vor allem Peter Wehling, der eine gesamte Theorie des Nicht-Wissens entwarf. Er unterteilt das Nicht-Wissen in sieben verschiedene Kategorien:

  • Wissen des Nichtwissens
  • Gewusstes Nichtwissen
  • Nicht-gewusstes Nichtwissen
  • Gewolltes Nichtwissen
  • Unbeabsichtigtes Nichtwissen
  • Temporäres Nichtwissen
  • Unauflösbares Nichtwissen 

 

Technik gegen das Nicht-Wissen

 

Natürlich können wir heute und an dieser Stelle keineswegs die Frage beantworten, ob unsere technischen Errungenschaften je das Nicht-Wissen komplett eliminieren können. Wir vermuten mal kühn, dass keine natürliche oder künstliche Intelligenz je alles wissen kann. Ebenso wird die Antwort auf alle Fragen nicht 42 sein, Grüße an die Anhalter in der Galaxis.

 

Insbesondere in der Medizin bleibt aber zu hoffen, dass viele Krankheiten irgendwann mit Hilfe von Nano-, Neuro-, Röntgen- oder anderen Techniken entschlüsselt und geheilt werden können. Auch im Bereich des Umweltschutzes kann jeder technische Fortschritt zur Rettung von Tier, Klima und Mensch nur begrüßt werden. Klar ist aber auch: Wir müssen uns mit unserem eigenen Nicht-Wissen permanent arrangieren und es vor allem akzeptieren. Denn bei allen technischen Möglichkeiten bleibt immer ein Bereich, der unkontrollierbar, unberechenbar und unge- und unbewusst ist! Vielleicht ist genau dieser Bereich aber der, der das Leben erst lebendig macht!

 

 

Auch Querdenken ist eine Technik, die Nicht-Wissen zu Wissen machen kann!

 

Ab ins Forum der Gruppe Technik, Gesellschaft oder Politik zum Diskutieren und Weiterdenken!


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