Philosophie als Spiegel ethischen Versagens

16 Apr 2020

Darum geht´s. Ein schneller Überblick:

  • Philosophische Praxen. Gibt es das wirklich?
  • Was in einer philosophischen Praxis behandelt wird.
  • Philosophische Praxen als ethischer Spiegel der Gesellschaft.

Brauchen wir mehr philosophische Praxen? Wie kann eine dynamische Gesellschaft eine dynamische Ethik entwickeln? Welche ethischen Grundsätze integriert ihr in euer persönliches Leben in Alltag und Beruf? Diskutiert im Forum der Gruppe Philosophie, Psychologie oder Kultur und entwickelt neue Perspektiven!

 

Philosophie als Spiegel ethischen Versagens!

 

In der Soziologie stellt man zur Erklärung von gesellschaftlichen Prozessen gerne zwei Fragen:

  1. Worauf gibt das Phänomen XY eine Antwort?
  2. Inwiefern ist Phänomen XY ein Spiegel dieser Prozesse? 

Wir wollen diese Woche dem Phänomen der philosophischen Beratungen nachgehen. Denn es genügt nicht, nur die ethischen Probleme unserer Zeit zu diagnostizieren, sondern auch passende Antworten zu finden. Vielleicht sind die sogenannten Philosophischen Praxen eine Antwort – und wenn nicht, dann zumindest ein Spiegel dessen, wo wir ethisch versagt haben.

 

 

Philosophie in der Praxis – eine Bestandsaufnahme

 

Mit Gründung der ersten Philosophischen Praxis durch Gerd B. Achenbach 1981 eröffnete sich ein neues Arbeitsfeld für Philosophen außerhalb der Universität. Da sich diese Beratung durch eine gewisse Eigentümlichkeit auszeichnet, steht sie noch immer im Schatten der psycho-sozialen oder seelsorgerischen Beratungen.

 

Spricht man bei Freunden die Existenz der PP an, erntet man meist nur ein Staunen: Was ist das denn? Was machen die denn? Doch nicht echte Philosophie? Dieses Staunen und eine im Tonfall unterschwellige Skepsis ziehen sich quer durch alle sozialen Schichten. Eine weitere Verwunderung stellt sich ein, wenn man erwähnt, dass es weltweit aktuell ca. 230 derartige Praxen gibt, fast alle in Deutschland oder Österreich. Ebenso steigt die Verwunderung an, wenn man verneint, dass in den Praxen keine Psychotherapie, sondern nur und ausschließlich philosophiert, aber nicht therapiert wird. Aber was machen die denn dann wirklich? Gehört das zur Esoterik oder eher zur Psychologie?

 

 

Philosophisches Beraten in der Praxis

 

Nein, die Philosophischen Praxen gehören natürlich zur Philosophie. So einfach, so logisch. Betrachtet man die Definition des Gründers Achenbach wird diese Abgrenzung deutlich: „Philosophische Praxen sind eine Einrichtung für Menschen, die Sorgen oder Probleme quälen, mit ihrem Leben nicht (mehr) zurechtkommen, die von Fragen bedrängt werden, die sie weder lösen noch loswerden; die sich in der Prosa ihres Alltagslebens zwar bewähren, in vorerst unbestimmter Weise aber unterfordert fühlen – weil sie etwa ahnen, daß ihre Lebenswirklichkeit ihren Möglichkeiten nicht entspricht. […] Ihr Anspruch ist nicht selten, einmal über die besonderen Umstände, die oftmals sonderbaren Verstrickungen und den seltsam uneindeutigen Verlauf ihres Lebens nachzudenken. Kurz: Sie suchen die Praxis des Philosophen auf, weil sie verstehen und verstanden werden wollen. (Achenbach, o. J., Hervorh. i. O., zitiert nach Was ist asp?)

 

Diese Aussage macht klar, dass in der PP das Gespräch über Lebenskrisen jeglicher Art, über Stress, Scheidung, Krankheit, Mobbing oder Digital Tox im Mittelpunkt stehen. Es sind Sinnkrisen, Fragen über die Herausforderungen des Lebens, Denkblockaden, die diskutiert werden. Der Vergleich mit Therapien, in denen Krankheiten oder Störungen psychologischer oder medizinischer Art geheilt werden sollen, verbietet sich daher schlicht aufgrund des Gegenstandes der Seelenleiden.

 

 

Philosophische Praxis als Spiegel unserer ethischen Probleme

 

Neben der Analyse, wie dieses Philosophieren wirklich wirkt oder was der philosophische Gehalt des Dialogs ist, erscheint es reizvoll zu überlegen, inwiefern die Probleme der Klienten dort als Spiegel unserer Gesellschaft interpretiert werden können oder konkret gefragt:

 

Sind Probleme wie Internetsucht, Burn-Out oder Depressionen auch Ausdruck einer verfehlten oder nicht existierenden Fortschrittsethik?

 

Es gehört zum Charakter der heutigen Moderne, dass die gefühlte Beschleunigung der Zeit, die ständige Beschäftigung mit dem Smartphone, die Fülle an Kommunikationen, der Überfluss unserer Konsumgesellschaft oder die rapide Verm ehrung von Wissen schnell zu einer Überforderung und Unsicherheit des Einzelnen führen. Der schnelle Wandel von sozialen Umwelten, Organisationen und Institutionen sowie die technischen Revolutionen erzeugen zusätzlich einen Druck auf das Individuum, sich den wandelnden Herausforderungen stetig neu anzupassen. Die Vorstellungen des Hinterherlaufens oder des Überfordert-Seins, wie sie in der Philosophischen Praxis häufig genannt werden, führen so auch zu der Frage, wo die Gesellschaft als ethische oder moralische Kontrollinstanz der Veränderungen versagt hat.

 

Natürlich sollen Innovationen und Fortschritt nicht gebremst werden. Angesichts der steigenden Anzahl von seelischen Problemen durch die Technik oder durch das Durchdringen der Digitalisierung aller Lebensbereiche muss diskutiert werden: Müssen wir nicht sorgfältiger die Folgen der Innovationen und Techniken für den Einzelnen in den Fokus nehmen? Haben wir bislang nicht zu euphorisch oder naiv die digitalen Errungenschaften gefeiert und die Schattenseiten als Nebenfolge abgetan? Muss das Forschungsfeld Technikethik nicht wesentlich prominenter und intensiver gefördert werden? Muss nicht unser gesamter Lebensstil aus verschiedenen ethischen Perspektiven kritisch hinterfragt werden in dem Sinne: Was tut uns wirklich gut?

 

Klar ist: Querdenken ist ein guter Schritt, seine Ethik, seinen Lebensstil und seinen Umgang mit Technik zu hinterfragen.

 

Ab ins Forum der Gruppe Philosophie, Psychologie oder Kultur zum Diskutieren und Weiterdenken!


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