Warum wir Mobilität als soziale und globale Frage verstehen müssen

23 Okt 2020

Darum geht´s. Ein schneller Überblick:

  • Die weltweite Ungleichheit in Mobilitätsfragen
  • Die Ungleichheit zwischen Stadt und Land
  • Wo braucht es mehr, wo weniger Mobilität?

Wie sähe ein gerechter Zugang zur Mobilität aus, insbesondere unter Berücksichtigung sozialer und gesellschaftlicher Aspekte? Diskutiert im Forum der Gruppen Mobilität oder Gesellschaft  und entwickelt neue Perspektiven!

 

 

Warum wir Mobilität als soziale und globale Frage verstehen müssen

Das Thema Mobilität wird uns hier im Blog immer wieder einmal beschäftigen. Zu wichtig sind die Fragen rund um den Verkehr, das Reisen, die globale Vernetzung und nicht zuletzt die Umwelt.

 

Diese Woche legen wir den Fokus auf die soziale Dimension, denn Mobilität bedeutet auch: Zugang zu Bildung und Wohlstand!

 

 

Erste Welt-Wut

 

Häufig bekommt man Dokumentationen zu sehen, die einem den Blutdruck auf 180 schießen lassen. Grund für diese Wut sind unter anderem Berichte über die Lebenslagen von Kindern in vielen Entwicklungsländern. Ob nicht vorhandene Schulen, lebensgefährliche Schulwege oder Dörfer ohne jegliche infrastrukturelle Anbindung – der Bedarf an Mobilität ist gigantisch. Zugleich sehen wir Dokumentationen, wie sich in den europäischen Großstädten E-Scooter-Chaos, E-Bikes und Carsharing-Flotten immer weiter ausbreiten.

 

Diese Diskrepanz zwischen Mobilitätsübersättigung in den Metropolen der Ersten Welt einerseits und der verheerenden Unterversorgung in Ländern der Dritten Welt andererseits macht nicht nur wütend, sondern verweist auch auf die großen sozialen Probleme, die in solchen Diskussionen leider nur am Rand erwähnt werden.

 

 

Das alte Leid: Urbaner vs. ländlicher Raum

 

Leicht bekommt man bei politischen Debatten den Eindruck, dass unter Mobilität nur Mobilität für die überfüllten Großstädte gemeint ist. Noch mehr E-Konzepte für die Innenstädte der Nation, obwohl das Verkehrsproblem schon mindestens 100 km vor der Stadt beginnt. Anstatt den Verkehr möglichst aus den Städten in die ländliche Breite zu verlagern, werden die Konzepte immer enger, denn ein E-Scooter ersetzt weder ein Auto noch den Pendlerverkehr, sondern maximal das Fahrrad oder das Laufen. Es kann nicht sein, dass auf dem Land kaum mehr ein ÖPNV oder Bahnverkehr stattfindet, während in den Städten ein Kampf der mobilen Konzepte herrscht.

 

Mobilität heißt daher auch zu fragen, ob und wo man überhaupt wie mobil sein muss. In Zeiten von Home-Office und Digitalisierung können sicher viele Wege eingespart werden. In Verbindung mit flexiblen Arbeitszeiten könnten sich Stoßzeiten im Verkehr zudem ausdünnen und das Kollabieren der Städte zu verhindern helfen. Vielleicht wäre an manchen Punkten gar kein Ausbau der Mobilität notwendig, sondern nur eine zeitliche Umlagerung. Dies würde allerdings ein massives Umdenken im Kopf bei Politik, Wirtschaft und den Bürgern erfordern.

 

 

Flugtaxis für die Eliten, überfüllte Züge für das Proletariat: Mobilität ist Wohlstand

 

Die Bevorzugung von Stadt vor Land ist in ihrer Struktur ähnlich wie die Spaltung von arm und reich. So spannend die Entwicklungen von Flugtaxen, autonomen Autos oder anderen klimafreundlichen Verkehrskonzepten sind, so gefährlich sind diese auch hinsichtlich der Nutzbarkeit für die breite Bevölkerung. Denn diese Technologien kosten viel Geld und können leicht zu reinen Elitenprojekten werden. Die Masse der Menschen hat nicht die Möglichkeiten, stets neue Autos zu kaufen, die Preise von Flugtaxen zu zahlen oder auf Mobilität gar zu verzichten, angesichts der Immobilienpreise in den (Innen-)Städten.

Mobilität muss daher sozialverträglich für alle gestaltet werden und darf kein Luxus der Reichen werden nach dem Motto: Auch der Schüler sollte ein Flugtaxi nutzen können.

Damit einhergehend ist die Notwendigkeit, die Sharing-economy bzw. -mobility noch weiter zu fördern. Fahrgemeinschaften, gemeinsam genutzte Autos oder Räder, multiple Nutzungsformen – die Liste der Möglichkeiten ist lang und darf täglich erweitert werden.

 

 

Freude am Fahren oder Laufen, um zu überleben: Industrienationen vs. Entwicklungsländer

 

Anknüpfend an die Frage, wer sich in den technisierten Ländern moderne Mobilität leisten kann, muss auch diskutiert werden, wie diese Mobilität im Globalen "verteilt" werden kann.

Allein aus humanistischen Gründen muss überlegt werden, wie sinnvoll der fünfte E-Scooter-Anbieter in München oder Berlin ist, während in anderen Erdteilen noch nicht mal Straßen existieren. Es kann als ein Armutszeugnis der reichen Länder bezeichnet werden, wenn hier über Mobilität diskutiert und dabei aber nur an den eigenen nationalen oder regionalen Fortbewegungsraum gedacht wird, während in vielen Ländern die Menschen weder Bus, Bahn noch Auto haben.

Entwicklungshilfe muss daher auch Hilfe zur Mobilität sein, um den Menschen Bildung, Gesundheit und Wohlstand zu ermöglichen. Aus ökonomischer Sicht ist es zwar logisch, wenn die großen Automobilhersteller E-Auto-Showrooms oder Forschungszentren in Berlin, München oder Hamburg eröffnen. Doch wäre es nicht ein wunderbares Zeichen an die Welt, neue Technologien zuerst in die Länder der Dritten Welt zu bringen, anstatt unsere eh schon technikübersättigte Gesellschaft noch weiter zu mästen?

 

Mobilität ist Humanismus

 

Natürlich brauchen wir in den Industrienationen moderne Mobilitätskonzepte. Doch die Frage muss erlaubt sein, ob aus einer humanistischen Sicht die Fokussierung auf Regionen ohne Mobilität nicht wesentlich wichtiger wäre. Können wir als Weltgesellschaft im Jahr 2020 guten Gewissens akzeptieren, dass ca. 264 Millionen Kinder keinen Zugang zu Bildung haben (Angaben von der Unesco von 2017) während die Neuzulassungen (!) von SUVs allein in Deutschland 2019 die Millionenmarke überschritten haben? Wollen wir weiter Mobilität fördern, die zwar hip und modern erscheint, aber zu Lasten der Umwelt geht? Wenn zum Beispiel der E-Scooter in Paris auf dem Sperrmüll oder in Marseille im Hafenbecken landet?

Es muss gesellschaftlicher Konsens werden, Mobilität als ein soziales Projekt zu verstehen, das in erster Linie soziale Distanzen überwindet, Bildung und Wohlstand ermöglicht und die Freiheit eines jeden einzelnen Menschen in der ganzen Welt fördert.

Nur wer Mobilität global und quer durch alle sozialen Strukturen denkt, kann optimale Lösungen für die Zukunft erarbeiten.

 

Diskutiert mit!

 

Ab ins Forum der Gruppe Mobilität oder Gesellschaft zum Diskutieren und Weiterdenken!


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