Brauchen wir geschlechtsneutrale Sprache?

03 Nov 2020

Darum geht´s. Ein schneller Überblick:

  • Fördert gendergerechte Sprache Inklusion und Gleichberechtigung?
  • Ist geschlechtsneutrale Sprache Ausdruck übertriebener "political correctness"?
  • Ändert Sprache unser Bewusstsein?

Wie sähe eine les- uns sprechbare Sprache aus, die niemanden diskriminiert? Diskutiert im Forum der Gruppen Ethik oder Gesellschaft und entwickelt neue Perspektiven!

 

 

Brauchen wir geschlechtsneutrale Sprache?

 

In einer Gesellschaft, in der "political correctness" und soziale Gerechtigkeit immer mehr zum Trend werden, stellt sich natürlich auch die altbekannte Frage: Sollen wir geschlechtsneutrale Sprache verwenden, oder ist dies nur eine unnötige Komplikation, die sowieso keinen Unterschied macht?

 

Man sieht es immer häufiger. Sei es in Zeitschriften, Ausschreibungen oder Büchern: das Gender-Sternchen. Es dient dazu, nicht nur das maskuline Genus bei Substantiven zu verwenden, sondern auch die feminine Variante aufzuzeigen und das verwendete Wort somit genderlos darzustellen.

Sprich, wir reden nicht mehr über Lehrer, sondern Lehrer*innen, oder nicht über Polizisten, sondern Polizist*innen. Für manche ist es die langersehnte Erlösung, für andere völliger Quatsch. Aber was ist denn nun die sinnvollste Lösung? Die praktische, alte Variante, oder die umständlichere, jedoch inklusivere?

 

 

Sprache beeinflusst unser Denken

 

Immer und immer wieder wird die These aufgestellt, dass unser Denken und Handeln nicht nur die Sprache beeinflusst, sondern dass genauso auch die Sprache uns beeinflusst. Unter Sprachwissenschaftlern ist es ein stark diskutiertes Thema. Es lässt sich aber annehmen, dass wie etwas gesagt wird und, vor allem, was gesagt wird, Bilder und Assoziationen in uns auslöst. Diese können sehr bewusst, aber auch unbewusst stattfinden, sodass sich automatische Verknüpfungen in unserem Gehirn speichern, die wir weder hinterfragen, noch unbedingt wirklich wahrnehmen. Wenn wir also immer nur von "Polizisten" sprechen, assoziieren wir diesen Beruf automatisch mit Männern, auch wenn man Frauen, oder Personen, die sich mit keinen der beiden Identitäten wohlfühlen, mit inbegriffen hat.

 

Hierzu wurde an der Freien Universität Berlin ein Experiment durchgeführt. Grundsätzlich ging es darum herauszufinden, ob man mit geschlechtsneutraler Sprache Stereotypen entgegenwirken kann. Dazu wurden Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren verschiedene Berufe vorgelesen. Diese wurden entweder in der männlichen Form, der weiblichen, oder mit beiden Formen vorgetragen. Auf einem Fragebogen sollten die Kinder anschließend raten, wie viel man in dem jeweiligen Beruf verdient, wie schwierig und wichtig er ist, und, ob sie sich selbst für fähig genug halten, diesen ausüben zu können.

 

Tatsächlich wurden die gleichen Berufe als unterschiedlich schwierig und machbar eingestuft und das nur wegen einer kleinen Veränderung. Bei Benutzung der geschlechtergerechten Sprache glaubten die Kinder, dass der jeweilige Beruf einfacher zu erlernen wäre und trauten ihn sich demnach auch eher zu. Daraus lässt sich schließen, dass "typisch männliche" Berufe als härter und anstrengender empfunden werden als "typisch weibliche". Außerdem zeigt es ebenfalls, dass eine geschlechtsneutrale Sprache die Möglichkeiten der Menschen erweitert. Wäre es nicht schön, wenn sich mehr Mädchen trauen würden z. B. Mechanikerin zu werden und es nicht als unmögliche Männersache sähen?

 

Dass Sexismus in unserer heutigen Gesellschaft noch existiert, ist für die wenigsten eine Überraschung. Frauen dürfen inzwischen zwar wählen, arbeiten und ihre Meinung sagen, aber dennoch sind wir darauf sozialisiert, dass Weiblichkeit schwach, sensibel und sanft ist, während alles Männliche hart, stark und dominant ist, was immer wieder durch Experimente wie diesem verdeutlicht wird. Wie soll sich an diesem Bild etwas ändern, wenn sich selbst in unserer Sprache die Männer durchsetzen?

 

Akzeptanz von LGBTQI+ Personen

 

Ein weiterer Vorteil von neutraler Sprache wäre, dass sich auch Personen, die zu der LGBTQI+ Community, also alles was sich jenseits von Heterosexualität und/oder Cisgender (der Begriff für Personen, die sich mit dem Geschlecht zugehörig fühlen mit dem sie geboren sind), bewegt, gehören, wohler fühlen würden. Gerade Personen, die sich weder als männlich, noch als weiblich identifizieren, oder ihre Identität zumindest in Frage stellen, hätten eine Art von Schutz und Sicherheit, die es ihnen erlauben würde, sich auszuprobieren und sich nicht durch die Regelungen der Sprache eingeschränkt zu fühlen.

 

Was spricht denn nun dagegen?

 

Bei all den positiven Folgen, die das Gendern mit sich bringen würde, fragt man sich natürlich nun zurecht: Warum ist es dann so wenig verbreitet? Warum ist es schon seit Jahren eine Debatte, die nie zu enden scheint?

 

Nun, einer der Gründe ist wohl, dass es sehr umständlich sein kann. In geschriebener Form macht Gendern Texte unverständlicher und in gesprochener Form ist es oft zu lang, sodass eigentlich keiner Lust darauf hat immer beides zu sagen und gleichzeitig die Kürze, die wir im Gesprochenen so lieben und schätzen, verloren geht. Viele Kritiker sagen, dass Gendern die Schönheit unserer Sprache beeinträchtigen würde, aber würde es das denn wirklich, oder wäre es einfach eine Umgewöhnung, die irgendwann zur Normalität werden würde?

 

Andere machen es vor

 

Im schwedischen wurde 2015 das neutrale Pronomen "hen" offiziell eingeführt. Dieses dient dazu, Menschen geschlechtsneutral benennen zu können, ohne dabei komplett auf Pronomen verzichten zu müssen. Ähnliche Konzepte gibt es auch im Englischen mit dem Pronomen "they", welches inzwischen nicht nur als Pluralform genutzt wird, sondern auch als geschlechtsneutraler Singular vorkommt.

 

Sollte Deutschland auch die Initiative ergreifen und mehr auf neutrale Sprache und somit die Gleichberechtigung aller achten, oder ist es doch nur das Schreien der Feminist*innen, das aus einer Mücke einen Elefanten macht? Wäre es wirklich eine so große Umstellung, oder ist es die Faulheit und Bequemlichkeit, die es unmöglich erscheinen lassen.

 

Es wäre natürlich eine Umstellung, das Gendersternchen, oder ähnliche Konstrukte, offiziell in die Sprache mit einzubauen und diese auf jedem Dokument und in jedem Satz zu erwarten. Es lässt sich schon jetzt erahnen, was für einen positiven Einfluss die Einführung dieses kleinen Sternchens für die Gesellschaft und vor allem für politische Minderheiten hätte.

 

Diskutiert mit!

 

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